buch : „tango. verweigerung und trauer. kontexte und texte.“, herausgegeben von dieter reichardt

mißverstehen zwischen kulturen, wunschabziehbilder in den köpfen der menschen, aus der alltäglichen oberflächlichkeit geborene albernheiten – sie sind überall, niemand von uns ist gänzlich frei davon & sie sind nur schwer zu erkennen, womöglich noch schwerer auszumerzen. vielleicht ist das auch gar nicht so dringend nötig, denn auch im falschen verstehen kann eine sinnvolle erkenntnis wohnen und auch in wunschvorstellungen findet sich sehr konkretes glück. einige menschen nehmen es aber genauer. dieter reichardt gehört vermutlich zu ihnen. daran lässt er bereits in der vorrede zu seinem buch über den tango nur wenig zweifel:

„eckiges geschiebe, bei manchen pärchen garniert mit possierlichen kreuz-, knick- und wiegeschritten, läppische schrammelmelodien mit regelmäßig gestampfter synkope und höchst aberwitzige texte, das etwa ist der tango, wie er hierzulande in erscheinung tritt, wie man ihn herstellt, tanzt, hört, schätzt oder ablehnt.“ (seite 7)

tango buch 01

(suhrkamp taschenbuch 1087, suhrkamp verlag, frankfurt am main, 1. auflage 1984)

es folgt ein text, in dem sich jemand um fundierte gegendarstellung bemüht. und ja, hier bürstet jemand seine sprache mehr als nur ein wenig auf krawall, um sein hehres anliegen zu transportieren. das liest sich manchmal witzig, manchmal nervtötend. aber es bleibt auch ein eindruck zurück, den man vielleicht noch nebelhaft von früher aus der schule erinnert: manche leute können sich ihre große klappe einfach deshalb leisten, weil sie es unbezweifelbar drauf haben. sie mögen anstrengend sein, haben aber immer etwas substanzielles zu sagen. über substanz verfügt herr reichardt reichlich. sein wissen und seine erfahrungen machen aus den ersten 185 seiten dieses buches eine einführung in den tango & seine protagonisten, wie man sie in dieser inhaltlichen qualität sicher bis heute (kurz erinnert: das buch erschien in dieser ausgabe 1984) nur selten findet. das augenmaß geht dem autor eigentlich nur an jenen stellen verloren, an denen er sein wissen über den tango in schlussfolgerungen verwebt, deren grundlage eine seltsame art pseudosozialistische klassenromantik zu sein scheint – die arbeiterklasse ist in ihrer gesamtheit zuallermeist instinktiv stilsicher und vorurteilslos in der begegnung mit ihren gefühlen und mit der musik. na, hurra. aber was wäre das leben ohne kontroversen.

tango buch 03

die zweite hälfte des buches versammelt jede menge tangotexte im argentinisch-spanischen original und in deutscher übersetzung. das ist eine spannende geschichte, sprechen doch viele dieser texte wahrhaftig für sich selbst und für den tango im allgemeinen, mehr vielleicht als jede theoretische erörterung dies zu tun vermag. vor allem für spanischunkundige dummbeutel wie mich eröffnen sich da interessante einblicke. keine frage auch, dass diese textsammlung ein geradezu unverzichtbares beweisreservoir für viele aussagen im vorhergehenden textteil darstellt. man muss herrn reichardt auch für diese sammel- & übersetzungsarbeit danken.

es folgen anmerkungen und quellennachweise und dann ist schluss.

das buch entwickelt sich in meinem fall im laufe seines regallebens immer mehr zu einem echten einführungs-, nachschlage- & referenztext. da nehme ich einen unterschwelligen wermutstropfenschluckauf gern in kauf.

tango buch 04

 

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