buch : „für augen und ohren – von der spieluhr zum akustischen environment“ / katalog zur ausstellung in der akademie der künste berlin vom 20.01. bis 02.03.1980

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dieser schmöker ist eine endlos tiefe fundgrube. man kann ihn über jahre hinweg immer wieder von vorn nach hinten und von hinten nach vorn durchäugen – stets aufs neue finden sich anregungen, ideen, neue perspektiven; die denkbaren verknüpfungen und verschmelzungen von musik als klangdarstellung und kunst als ideendarstellung, das werden und die wandlungen von musikkunst/kunstmusik, werden aus derart vielen blickwinkeln beleuchtet und erforscht, werden mit einer so enormen materialfülle in text, abbildungen und quellenverweisen dargestellt, dass die inspirationsvarianten geradezu unerschöpflich sind.

… da wird die entwicklungsgeschichte der technischen musikwiedergabe betrachtet & plötzlich stolpert man als leser auf seite 46 über eine englische karikatur zur musikübertragung durch mikrophone aus dem jahr 1878:

augen und ohren 05

die seit jahrhunderten rückwärts gewandte befürchtungswahrnehmung von technischen neuerungen scheint einem auf, ebenso wie die endlosigkeit ermüdender dispute über die einzig wahre und unverfälschte wiedergabe von musik; soviel albernheit. dann aber auch der offensichtliche witz, das verstehen des quakenden mißtones, der einem die ohren quält. und endlich die vorstellung einer band, die mit künstlichen schnäbeln und trichtern vor den mündern auftritt. juhu.

… dann ein einblick in die wandlungen der vorstellung von musik und musikinszenierung: am 07. november 1922 fand in baku eine aufführung statt, in die sämtliche fabriksirenen der stadt, die nebelhörner der kaspischen flotte, zwei kanonengeschwader, einige infanterieregimenter, eine maschinengewehrabteilung, mehrere wasserflugzeuge und chöre eingebunden waren. das projekt beruhte auf versuchen von arsenij avraamov und anderen komponisten mit „sirenensymphonien“ in st. petersburg. auf dem dach eines hohen hauses stand der dirigent mit zwei signalflaggen:

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… auf seite 150 begegnet einem die 1947 in chicago geborene laurie anderson und gibt einen unmittelbaren einblick in einen aus frust und stagnation geborenen schöpfungsmoment:

„ich schrieb einen song auf der elektrischen schreibmaschine; nach einigen seiten hörte ich auf, um zu lesen, was ich geschrieben hatte. ich mußte dabei feststellen, daß es unsingbar war. entmutigt stützte ich den kopf auf meine hände und saß eine weile so da. laut vorgesungen hörte sich das lied vollkommen anders an als auf dem papier – als wäre es in einer anderen sprache geschrieben. während ich immer verzweifelter wurde, vernahm ich plötzlich einen tiefen, nicht näher identifizierbaren ton. es war das brummen der schreibmaschine, das sich auf die tischplatte übertrug. da nahm ich mir vor, ein stück zu schreiben, in dem depression, meditation, die möglichkeit eines stromschlages und ein sound, der mehr in der erinnerung erscheint als gehört wird, kombiniert werden: innere lieder.“

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… auf seite 250 dann man ray, dessen „objet indestructible“ sogar tickt und hypnotisiert, wenn es nur auf einem foto erscheint:

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… und hier etwas, und dort etwas, und wenn er nicht gestorben ist, dann staunt er noch heute herum.

ach, diesen einen satz muss ich noch zitieren: „die summe aller klänge ist grau“. es ist der titel des beitrages von rené block auf seite 103. ist es nicht ein zauberhafter satz, ein zauberhafter gedanke? sollte es nicht ein gemälde, eine klanginstallation, einen roman, ein gedicht & ein album mit diesem titel geben?

 

 

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